Der Essay ist eine literarische Gattung, die es einem erlaubt, Sachverhalte nicht nur durch den Pragmatismus der wissenschaftlichen Methode, sondern auch unter der Hervorhebung persönlicher Perspektiven zu analysieren. Er will nicht nur darstellen, zerlegen und interpretieren, sondern auch zum Lesen mithilfe poetischer Mittel anregen. Der Autor verfügt über eine beinahe uneingeschränkte Themenauswahl und darf seine Kritik in voller literarischen Kreativität entfalten. Formal betrachtet ist der Essay ein Text in Prosa, der meistens in einem Zuge gelesen werden kann.
Bei Montaigne und Bacon diente der Essay beispielweise zur Reflexion über alltägliche und moralische Themen wie die Einsamkeit, das Altern, die Bücher, die Philosophie, die Wahrheit, der Tod, die Liebe, die Freundschaft oder die Schönheit. In Lateinamerika wurden die geistigen und politischen Unruhen eines jungen Kontinents durch ihn besonders ab 1900 – Erscheinungsjahr von Ariel – festgehalten. Die kunstvolle Prosa, die der Essay erlaubt, und der fruchtbare Boden für leidenschaftliche Argumentation, den er liefert, verliehen ihm die Fähigkeit, die Unzufriedenheit und die gemeinsamen Hoffnungen Lateinamerikas wirksam über Grenzen mitzuteilen und zu verarbeiten.
Schon am Anfang von Ariel scheint es Rodós Absicht zu sein, die Natur seines Textes dem Leser zu zeigen, wenn er schreibt: “Junto a la estatua que habéis visto presidir, cada tarde, nuestros coloquios de amigos, en los que he procurado despojar a la enseñanza de toda ingrata austeridad, voy a hablaros de nuevo, para que sea nuestra despedida como el sello estampado en un convenio de sentimientos y de ideas”.
In jenem Essay schöpfte Rodó alle literarischen Freiheiten aus, die die essaystische Form bietet und verwendete einen solchen Stil, der es unmöglich macht, eine Aussage in den einzelnen Abschnitten zu finden, die seine Botschaft zusammenfassen würde. Seine Gedanken werden in einer fließenden Verkettung entlang des Textes so dargestellt, dass sie nicht voneinander getrennt werden können, ohne dass die Einheit gestört wird. Die Aussage des Ganzen kann den isolierten Bestandteilen nicht in seiner Fülle entnommen werden. Ausgerüstet mit einem raffinierten ästhetischen Sinn gab er die Wörter wieder, mit denen der alte Prospero sich von seinen Schülern verabschiedete. Im Vergleich zwischen Shakespeares The Tempest und dem Verhältnis zwischen Lateinamerika und den USA verkörpert der Geist Ariel das Sinnliche und die Zuneigung zu den Geisteswissenschaften, während Caliban, der halb Mensch und halb Ungeheur ist, für den amerikanischen Materialismus steht.
Mit Ariel widmet Rodó seine Aufmerksamkeit einer existenziellen Frage. Nicht die konkreten Probleme einer Gesellschaft werden thematisiert, sondern die intellektuelle und nicht zuletzt die spirituelle Gestalt ihrer zukünftigen Träger, die gleich in der ersten Zeile von Ariel begrüßt werden: “A la juventud de América“. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Einstellung dieser Jugend zum Leben. In Ariel werden der nackte Utilitarismus, die Abwesenheit einer Identität und eines entwickelten Selbstbewusstseins in Lateinamerika kritisiert, doch macht Rodó keinen Schritt weiter, um die daraus entstandenen Probeme zu thematisieren, was zweifellos angebracht gewesen wäre. Sei es die Frage der Landverteilung, die bis zu den heutigen Tagen aktuell in jenem Kontinent bleibt; das Problem der Indianer, das, trotz seiner Irrelevanz in der Heimat Rodós, wo die einheimische Bevölkerung zur Zeit der Erscheinug von Ariel nicht mehr existierte, ebenso für eine rege Diskussion in anderen Ländern sorgte; die Frage, wie Lateinamerika wirtschaftliche Autonomie den USA gegenüber erlangen würde oder wie ihr Erziehungssystem gestaltet werden sollte: Keines dieser Probleme wagte Rodó in Ariel zu berühren. Diese Aufgabe würde ihn erst später beschäftigen, wie auch Mariátegui in seinen Siete ensayos sobre la realidad peruana.
Bei Rodó gilt es, das Schöne erkennen und pflegen zu können. In seinem philosophisch motivierten Glaube – der leicht an die Zeilen der platonischen Republik erinnert ¬– schreibt er dem Schöngeist eine führende Rolle in der Gesellschaft zu und weist jegliche Ideologie zurück, die gegen dieses Prinzip verstößt. So hält er die christliche Askese und den amerikanischen Utilitarismus für verwerflich, denn ersteres lässt sich mit seinem Schönheitsideal nicht vereinbaren und letzteres bietet keinen Raum für die vielgepriesene Kontemplation. Erfüllt mit dieser Abneigung schreibt Rodó: “El ascetismo cristiano, que no supo encarar más de una sola faz del ideal, excluyó de su concepto de la perfección todo lo que hace a la vida amable, delicada y hermosa... el puritanismo, que persiguió toda belleza y toda selección intelectual; que veló indignado la casta desnudez de las estatuas; que profesó la afectación de la fealdad, en las maneras, en el traje, en los discursos... tendió junto a la virtud... una sombra de muerte”. Und warnt: “Así como la deformidad y el empequeñecimiento son, en el alma de los indivíduos, el resultado de un exclusivo objeto impuesto a la acción y un sólo modo de cultura, la falsedad de lo artificial vuelve efímera la gloria de las sociedades que han sacrificado el libre desarrollo de su sensibilidad y su pensamiento, ya a la actividad mercantil, como en Fenicia; ya a la guerra, como en Esparta...”. Nach Rodós Ansicht ist jegliche übertriebene Spezialisierung in dem Sinne schädlich, dass sie Menschen hervorbringt, die ausgesprochen fähig in einem einzigen Aspekt sind, aber gleichzeitig extrem unfähig in allen übrigen.
Der Mensch, der Lateinamerika in die Zukunft leiten werde, müsse sich daher über die große Menge erheben und durch seine Intelligenz auszeichnen. Obwohl der Utilitarismus und die Askese nicht in Rodós Gunst stehen, schliesst er sie nicht ganz aus. Rodó bemüht sich in Ariel ständig, die Extreme zu vermeiden. Er will kein bedingungsloser Verfechter der Demokratie sein, denn er kennt ihre Mackel. Und trotzdem erträumt er keine Zukunft ohne Demokratie. Rodó nimmt den Utilitarismus als Negierung der Liebe zur intellektuellen Kontemplation wahr, doch erkennt er, dass nichts von dem, wonach er strebt, ohne eine solide materielle Basis möglich ist. In seiner Suche nach einem Gleichgewicht dieser Einstellungen schreibt er: “Sin la conquista de cierto bienestar material es imposible en las sociedades humanas el reino del espíritu“. Doch geht er nicht auf die Frage ein, wie dieser Kompromiss erreicht werden kann. Das will er auch nicht, denn in Ariel schreibt Rodó in jenem Rausch, der den Prophezeiungen eigen ist, und mit der Überzeugung des Rationalismus, der Universalität beansprucht. In der Tat hätte Ariel abgesehen von einigen Passagen überall veröffentlicht werden können, ohne an Relevanz zu verlieren, was dem rationalistischen Vorgehen Rodós zu verdanken wäre.
Wenn der erhabene Stil Rodós in Ariel dazu dient, die intelektuellen Bedingungen des idealen lateinamerikanischen Geistes aufzuzeigen, werden in der pragmatischen und scharfsinnigen Analyse Mariáteguis in El problema del indio die Ursachen der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung Perus unter der Perspektive des historischen Materialismus erklärt.
Die indigene Bevölkerung Perus, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus einer Million Menschen bestand, hatte seit der spanischen Eroberung unter Völkermord, Sklaverei und Ausbeutung gelitten. Obwohl der Indianeranteil in der Gesamtbevölkerung 4/5 betrug, was einen erfolgreichen Widerstand begünstigen sollte, war ihre Lage Anfang des 20. Jahrhunderts noch aussichtslos. Die Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen in den Bergwerken und in der Landwirtschaft, die nicht selten der Sklaverei glichen, zusammen mit der Abwesenheit einer sozial gesinnten Politik, die die Grundrechte dieser Gruppe gewährleisten würde, schufen eine Realität, die Unzufriedenheit in vielen Sektoren der Gesellschaft erweckte, und verstanden werden wollte.
Mariátegui kommt diesem Bedürfnis nach und behandelt alle Ansätze, mit denen das Problem unter isolierten Aspekten analysiert wird, als wertlose intellektuelle Versuche. In diesen werden nicht nur falsche Erkenntnisse gewonnen, sondern es werde auch der Fehler begangen – mancherorts gar nicht unabsichtlich –, das Wesen des Problems zu verstecken und zu verformen. Die Gesetzgebung, die Kirche und manche philanthropische Initiativen hatten die Rechte der Indianer seit Anbeginn der Republik verteidigt, doch eine Umsetzung dieses – teilweise – guten Willens in die Wirklichkeit war nicht geschehen. Dies sei darauf zurückzuführen, dass eine feudalistische Gesellschaft, die auf dem Großgrundbesitztum unter der uneingeschränkten Autorität des gamonalismo beruht, keine Verbesserung der bestehenden Verhältnisse erlaube.
Mariátegui geht systematisch vor, um alle früheren Vermutungen bezüglich des Problems der Indianer zu widerlegen. Seine Prosa ist energisch und verzichtet auf Umschweife, um jene Irrtümer zu erleuchten: “La derrota más antigua y evidente es, sin duda, la de los que reducen la proteción de los indígenas a un asunto de ordinaria administración… Pero la reforma jurídica no tiene más valor práctico que la reforma administrativa, frente a un feudalismo intacto en su estrutctura económica“. Er glaubt, nur die sozialistische Theorie sei dazu geeignet, diese dringende Frage zu behandeln, denn sie sucht ihre Wurzeln in den bestehenden ökonomischen Bedingungen: “La crítica socialista lo descubre y esclarece, porque busca sus causas en la economía del país y no en su mecanismo administrativo, jurídico o eclesiástico, ni en su dualidad o pluralidad de razas, ni en sus condiciones culturales y morales. La cuestión indígena arranca de nuestra economía“. Und es ist unter dem Einfluss der marxistischen Theorie, dass er der Republik nicht nur die Verlegenheit einräumt, ihre Existenz einem untätigen und unfähigen Bürgertum zu verdanken, sondern auch das Verbrechen, die Ausbeutung der indigenen Bevölkerung mit noch größerem Eifer fortzusetzen.
Dort, wo die Verwaltung und die Gesetzgebung versagten, sei es umso unwahrscheinlicher, dass ein moralischer Appel wirken könnte. Mariátegui begrüßt jede Stimme, die nach Gerechtigkeit verlangt, doch sieht er darin keine Möglichkeit, das Problem effektiv zu bekämpfen: “Las conferencias y sociedades antiesclavistas, que en Europa han denunciado más o menos infructuosamente los crímenes de los colonizadores, nacen de esta tendencia, que ha confiado siempre con exceso en sus llamamientos al sentido moral de la civilización”. Das Problem der Indianer sei nicht lediglich eine Angelegenheit der Verwaltung, der Gesetzgebung, des ethnischen Konfliktes, der Moral oder der Erziehung, denn diese Faktoren werden unmittelbar durch das Problem der Landverteilung bedingt, ohne deren Lösung keine Verbesserung der Lage der Indianer zu erwarten sei. Alles, was sich von dieser Erkenntnis distanziert, sei dazu verdammt, als unnützliches theoretisches Gerede in Vergessenheit zu geraten.
Die Erziehung sei ebenso nicht in der Lage, dem Indio den Weg aus der Unterdrückung zu zeigen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der gamonal hat kein Interesse daran, dass der Indio eine gute Ausbildung geniesst, denn er darf sich niemals seiner Situation bewusst werden. Er darf unter keinen Umständen Kritik ausüben. Seine Ignoranz, wie sein Alkoholismus, muss weiter bestehen. Mariátegui macht darauf aufmerksam, dass die Erziehung nicht nur aus der Schule und didaktischen Methoden besteht, sondern durch ihre wirtschaftliche Umgebung beeinflusst wird, und zitiert Gonzáles Prada: “Al que diga: la escuela, respóndasele: la escuela y el pan. La cuestión del indio, más que pedagógica, es económica, es social“. Hier ist die marxistische Methode wiederzuerkennen, die sich durch den ganzen Text zieht.
Mariátegui betont noch die Bemühungen des katholischen Klerus in den vergangenen Jahrhunderten, das Elend der Indianer zu mindern, worüber er mit Sehnsucht schreibt. Er bedauert, dass die Kirche in seinen Tagen an Männern mangele, die ihren Vorgängern intellektuel ebenbürtig seien. Ihre Rolle habe sich auf eine Vermittlungsinstanz zwischen dem gamonal und dem Indio beschränkt. Es fehle die Initiative, für die Rechte der Indianer zu kämpfen und sogar ihr Interesse zu wecken, sich der evangelisierenden Tätigkeit der Kirche anzuschliessen. Seine Meinung über die Kirche in Bezug auf diese Angelegenheit drückt Mariátegui mit Verachtung aus: “Pero hoy la esperanza en una solución eclesiástica es indiscutiblemente la más regazada y antihistórica de todas… La obra que la iglesia no pudo realizar en un orden medioeval, cuando su capacidad espiritual e intelectual podía medirse por frailes como el padre de Las Casas, ?con qué elementos contaría para prosperar ahora?“.
Die Behandlung des Problems als eine ethnische Angelegenheit wird von Mariátegui nicht weniger vehement zurückgewiesen. Er bezeichnet die Annahme, dass die Indianer minderwertig seien, als “…una barata invención de los leguleyos de la mesa feudal“. Der Glaube daran, dass diese vermeintliche Minderwertigkeit für das Elend der Indianer verantwortlich sei, stamme aus dem veralteten imperialistischen Konzept, der die conquista rechtfertigen sollte und verdiene deshalb keine Glaubwürdigkeit.
Solange das Großgrundbesitztum bestehe und den wirtschaftlichen Fortschritt hindere, werde Peru sich nicht weiterentwickeln. Die Regierung müsse eingreifen, um neue, effiziente und gerechte Produktionsverhältnisse zu schaffen. Der Indio müsse das Land zurückgewinnen, zu dem er sich verbunden fühlt und von dem sein Leben abhänge. Erst dann könne Peru den Weg der Entwicklung einschlagen.
Der Vergleich zwischen Ariel und El problema del indio zeigt die Vielfältikeit der essaystischen Form im Bezug auf den verwendeten Stil. In beiden Texten koexistiert die sachliche Argumentation mit einer literarischen Prosa. In beiden Texten vertreten die Autoren ihre Ideen leidenschaftlich, wobei Mariátegui sich als Pragmatiker erweist, während Rodó zur Abstraktion neigt.
quarta-feira, 21 de abril de 2010
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